Fliegen im Jahr 2093 – eine visionäre Studie der Finnair

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Wie die FAZ heute in ihrer online-Ausgabe berichtet, hat die Finnair zum Anlass ihres 85. Geburtstags die Resultate einer Studie veröffentlicht, wie die zivile Flugfahrt im Jahre 2093, d.h. in 85 Jahren, aussehen könnte.

Um drei Mantras kreisen die Szenarien der Zukunftsforscher, Luftfahrtexperten, Unternehmensberater und Flugzeugingenieuire, die jetzt in Helsinki präsentiert worden sind: Es wird eine ganze Palette völlig neuer Flugzeugtypen geben, die eine bisher ungeahnte Flexibilität des Fliegens ermöglicht. Die Luftfahrt wird dank neuartiger, emissionsfreier Treibstoffe eine wundersame Metamorphose vom Prügelknaben zum Musterknaben des Klimaschutzes vollführen. Und wir werden eine dramatische Individualisierung des Fliegens und des Reisens überhaupt erleben. Auf den Langstrecken werden Überschallmaschinen aus nanokeramischen, restlos wiederverwertbaren Materialen unterwegs sein, die fünfhundert bis achthundertfünfzig Passagiere in drei Stunden von Europa nach Australien transportieren und mit intelligenten Sitzen ausgestattet sind; sie passen sich dem Gewicht und der Statur ihres jeweiligen Benutzers an, messen seinen Blutdruck, kontrollieren seine Körpertemperatur und massieren ihn auf Wunsch auch noch. Den Charterverkehr übernehmen kreisrunde Riesenmaschinen in der Form fliegender Untertassen mit Platz für zweieinhalbtausend Urlauber, die sich die Zeit an Bord im holographischen Theater, Schönheitssalon, Fitness-Studio oder in verschiedenen Bars und Restaurants vertreiben können. Und für den Hausgebrauch wird jeder in seiner Garage ein putziges, dreisitziges Hybridwesen aus Helikopter und Kleinflugzeug haben, das entfernt an Carlson auf dem Dach erinnert und mit dem man staufrei die Einkäufe erledigen oder die Kinder vom Musikunterricht abholen kann. Im Weltall werden wir natürlich auch Ferien machen, und zwar in fünfhundert Kilometer Höhe, wobei wir im Schnitt vier Tage lang dort oben bleiben und in jeweils neun Stunden die Erde umrunden.

Zu den einzelnen Flugapparaten wurden in Helsinki schnittige Zeichnungen gezeigt, die sehr visionär und doch seltsam vertraut wirkten – es kam einem vor, als habe man solche Kisten in „Blade Runner“, „Total Recall“ oder im „Fünften Element“ schon dutzendfach gesehen. So sind wir Menschen eben, einfältige Wesen mit einer viel zu schlichten Phantasie, um uns die Gestalt des Übermorgens vorstellen zu können. Stattdessen greifen wir lieber auf einen bewährten Bilderkanon zurück, der seit den seligen „Raumschiff Orion“-Zeiten fest zu unserem visionären Repertoire gehört. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Zukunft nichts Neues bringe – schließlich ist in ihr nichts unvermeidlich außer dem Wandel, erkannte schon vor zweieinhalbtausend Jahren Heraklit. Die Luftfahrt wird das schon deshalb zu spüren bekommen, weil sie in einem doppelten Dilemma steckt: Zum einen wird ihr klassischer Treibstoff knapp, zum anderen geht das Klima auf Dauer vor den Kohlendioxidemissionen in die Knie. Also muss sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn allein der Weg einer immer höheren Energieffizienz führt in die Sackgasse. Flugzeuge sind in den vergangenen vierzig Jahren zwar um siebzig Prozent sparsamer geworden und werden es bis 2020 noch einmal um ein Viertel. Doch wenn es kein Rohöl mehr gibt, nutzt das nichts. Es ist auch höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel, denn die Luftfahrt hat – ähnlich wie die Autoindustrie – ihre technischen Innovationen seit vielen Jahrzehnten nur systemimmanent geleistet: Das Auto ist seit Carl Benz immer noch eine Fahrgastzelle auf vier Rädern, die von fossilen Brennstoffen angetrieben wird, das Flugzeug immer noch eine Röhre mit Flügeln und Triebwerken, die Kerosin schlucken. Eine Boeing 707 aus den sechziger Jahren sieht kaum anders aus als der Airbus A350, der 2013 auf den Markt kommt. Ein Computer aus jener Zeit hingegen hat nichts mehr mit seinem Pendant von heute zu tun.

Der Weltluftfahrtverband Iata hat vollmundig verkündet, dass im Jahr 2050 das Fliegen emissionsfrei sein wird, während Airbus damit rechnet, dass schon 2020 ein Drittel der Flugzeugtreibstoffe aus alternativen Quellen stammt. Die entscheidende Rolle wird dabei wohl nicht der kapriziöse, hochexplosive, schwer zu bändigende Wasserstoff spielen, sondern Biosprit. Technisch, so hieß es in Helsinki, könne man schon heute jede Turbine mit jeder Art von Sprit antreiben, das Problem sei nur die Leistungsfähigkeit der Energieträger. Und die Zukunft hat schon begonnen: Der weltweit erste Testflug mit Biotreibstoff findet Anfang Dezember mit einem Jumbo-Jet von Air New Zealand statt. Die größten Hoffnungen der Auguren ruhen inzwischen auf Algen. Sie können mehrmals am Tag ihre Biomasse verdoppeln und pro Hektar Anbaufläche fünfzehnmal mehr Treibstoff liefern als etwa Raps oder Soja. Ganz Verwegene spekulieren außerdem auf hochleistungsfähige Solarzellen, die bis zu siebzig Prozent der Flugzeugoberfläche bedecken und damit genügend Energie für sämtliche Bordsysteme liefern könnten. Der Strom wird auch dringend benötigt, denn an Bord soll sich der Passagier wie in einem Multimedia-Paradiesgarten fühlen: Das Fenster ist ein Zoomobjektiv, mit dem man sich die Erdoberfläche heranholen kann, drahtloses Internet und problemloses Mailen sind Selbstverständlichkeiten..

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