Shiva-Ausstellung im Zürcher Museum Rietberg

shivaDas Museum Rietberg widmet einem seiner Hauptwerke, der Bronzeplastik des tanzenden Shiva aus der Sammlung Eduard von der Heydt, eine grosse Ausstellung mit Leihgaben aus Europa, Nordamerika und Indien. Die indische wie auch die westliche Bedeutungsgeschichte des kosmischen Tänzers offenbaren sich dabei als äusserst facettenreich. Schon 1949 figurierte der tanzende Shiva als Emblem. Er machte damals Werbung bei der Abstimmung der Zürcher Bevölkerung über den Umbau der Villa Wesendonck in das heutige Museum Rietberg. Bis heute ist die wertvolle Bronzeplastik aus der Sammlung Eduard von der Heydt denn auch das Symbol des «Rietberg» schlechthin geblieben.

Ihr gilt nun eine Sonderausstellung. Allein die spannende Geschichte in einem Seitenkabinett der Schau, wo man erfährt, wie der tanzende Shiva in die Sammlung von der Heydts gelangt war, wirft ein Licht auf deren Bedeutungsreichtum. Von der Heydt hatte bekanntlich 1926 den Monte Verità bei Ascona erworben, angezogen von der dort gepflegten Theosophie, dem Vegetarismus und dem Ausdruckstanz. Für seine Faszination für die Figur des tanzenden Shiva muss vor allem die Begegnung mit dem modernen Tanz einer Hertha Feist, Mary Wigman oder eines Rudolph von Laban, die alle auf dem «Wahrheitsberg» auftraten, ein Schlüsselerlebnis dargestellt haben. Jedenfalls darf der Erwerb der Bronze des göttlichen Tänzers in Paris um 1930 vor allem auch vor dem Hintergrund dieser Zeitströmungen gesehen werden. Die Begeisterung für die indische Gottheit in ihrer Gestalt als Tänzer war aber im Westen schon um 1905 in Paris erwacht, als die Belle-Epoque-Nackttänzerin Mata Hari den tanzenden Shiva gleichsam zum Maskottchen ihrer legendären Tanzaufführungen machte. Weniger mit Mata Hari indes (die eigentlich Margaretha Geertruida Zelle hiess) als mit Künstlern wie Uday Shankar aus Indien kam der indische Tanz, in seiner Heimat stets religiös konnotiert, nach Europa auf die Bühne, wo er aus seinem ursprünglichen Kontext gelöst wurde. Die europäische Faszination für den kosmischen Tänzer von Werden, Sein und Vergehen wurde denn auch durch Figuren wie Shankar, der sich seine Inspiration mit Vorliebe beim tanzenden Shiva holte, nachhaltig geprägt.

Ein Bewunderer der zyklischen Bewegung von Zerstörung und Neuanfang, wie sie der indische Gott des Tanzes verkörpert, war nicht zuletzt Hermann Hesse, auch er dem Monte Verità eng verbunden. Für ihn und viele Denker der Krisenzeit zwischen den beiden Weltkriegen wurde Shiva zum Sinnbild des Weltgeschehens – der Gott, der die verkommene Welt in Trümmer tanzt und Hoffnungsträger ist für einen Neuanfang. So gab der Tänzergott bei westlichen Philosophen, Künstlern und Literaten stets eine besonders ideale Projektionsfläche für diverse Wertvorstellungen und Weltanschauungen ab. Der tanzende Shiva wurde aber auch zum «Markenzeichen» für die Weltreligion des Hinduismus und gilt seitdem als eines der bekanntesten religiösen Symbole. In Indien ist der Tänzer allerdings nur eine von unzähligen Erscheinungsformen des Gottes Shiva. Dessen erste und eigentliche Gestalt ist das im Prinzip nicht bildhafte Linga – eine Säule, die in ihrer explizit phallischen Gestalt kaum ein Symbol war, das dem christlichen Westen zuzumuten war. Und dies schon gar nicht in seiner üblichen Kombination mit der eine Vagina symbolisierenden Yoni. Goethe hatte sich daran gestossen, und nach ihm viele andere mehr.

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