Oesterreichischer Abenteurer pilgert zur Quelle des Ganges

Ich sitze gerade in Rishikesh und schaue auf den Ganges, während ich über den heiligsten Fluss Indiens schreibe. Der Ganges entspringt im westlichen Himalaya, etwa 18 km von Gangotri und da der Gletscher in früheren Zeiten die Form eines Kuhmauls hatte, wird diese Stelle als Gaumukh bezeichnet. Nach 2,5 km mündet der Fluss in den “Bay of Benga”. In Rishikesh ist der Ganges noch sauber und es ist einfach phantastisch einen Sprung ins kalte Nass zu machen und sich gereinigt von den Sünden der Meditation zu widmen. Die indische Mhytologie besagt, dass ein Bad im Ganges von alle Sünden befreit. Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die mein spiritueller Lehrer Sri Chinmoy über die Befreiung von Sünden durch ein Bad im Ganges geschrieben hat:

„Ich möchte jetzt etwas über Glauben sagen. Ich bin sicher, dass ihr alle schon etwas über den Ganges gehört habt, Indiens heiligsten Fluss. Es wird erzählt, dass jeder, der ein Bad im Ganges nimmt, von allen seinen Sünden befreit wird. Das ganze Jahr über kannst du alle möglichen Sünden begehen und wenn du dann nur in den Fluss eintauchst, werden alle diese Sünden verschwinden. Das ist unser indischer Glaube. Wie dumm wir sind, das weiß nur Gott. Parvati, die Gemahlin des Gottes Shiva, fragte einmal Shiva: ‚Ist es wahr, dass wenn ein Mensch nur einmal ein Bad im Ganges nimmt, alle seine Sünden im Handumdrehen weg gewaschen werden? Haben die Leute so einen Glauben?‘ Er sagte zu seiner Gattin: ‚Gut, das beste ist es für mich, dir das zu demonstrieren. Schau, wir beide werden eine menschliche Form annehmen und uns ans Ufer des Ganges setzten. Ich werde ein sehr alter Mann sein und du eine alte Frau. Du wirst in deinem Schoß ein Baby halten und ich werde dem Kind das Leben nehmen. Du wirst dann sofort bitterlich zu weinen anfangen und ausrufen, dass wir unser einziges Kind verloren haben. Viele werden kommen, um uns zu trösten, und du wirst ihnen sagen: ‚Wenn mein Sohn von jemanden gesegnet wird, der fühlt, dass  er ohne Sünde ist, dann wird er wieder zum Leben erwachen.‘

So nahmen sie eine menschliche Form an und setzten sich an das Ufer des Ganges. Hunderte waren gekommen, um im Fluss zu schwimmen und zu baden. Parvati sagte: “Alle von euch hier wissen, dass in dem Moment wo ihr in den Ganges geht, all eure Sünden zu existieren aufhören werden. Geht, nehmt ein Bad und segnet dann mein Kind und es wird wieder zum Leben erweckt.” Hunderte gingen vorbei, aber niemand wollte es tun. Sie waren bereit zu schwimmen, sie waren bereit unterzutauchen und stundenlang im Ganges zu baden, aber sie wussten, das es keine Auswirkung auf das Kind haben würde. Sie würden das Kind berühren, aber es würde nicht wieder zum Leben erweckt. Das ging einige Stunden lang so, bis die Zuschauer schließlich einen Mann mittleren Alters auf die Frau, die ihr Kind verloren hatte, zugehen sahen. Dieser Mann kam gerade aus einer Bar. Er roch sehr unangenehm und nach indischen Beurteilungskriterien, war er das, was ihr als ‚charakterlos‘ bezeichnen würdet. Der Mann kam zu ihr und fragte: “Warum weinst du?” Sie sagte:  “Ich weine, weil niemand kommt, um mein Kind zu segnen, obwohl jeder hier weiß, dass in dem Moment, in dem sie im Ganges baden, alle ihre Sünden sie verlassen und sie dann mein Kind wieder zum Leben erwecken können.” “Du weinst wegen deswegen? Ich habe Glauben; lass mich gehen.” So sprang er in den Ganges und in einigen Minuten kam er zurück und berührte das Kind. Sofort erwachte das Kind wieder zum Leben. Lord Shiva sagte daraufhin: “Schau! Von den Tausenden hatte nur eine einzige Person Vertrauen in den Ganges!” Und damit verschwanden Shiva, Parvati und das Kind.“

Die Moral der Geschichte ist, dass sehr viel Ritual und Aberglaube ist und es gibt nur wenige die in den Ganges gehen und wirklich an die dem Ganges zugeschriebene Kraft glauben. Und wenn wir wirklichen Glauben haben, dann kann er viel bewirken.

In Rishikesh findet man viele Ashrams und Sadhus, die sich der Meditation widmen und dementsprechend, ist die Umgebung auch geladen, mit einer heiligen, meditativen Atmosphäre, die zum Meditieren inspiriert. Einige Kilometer südlich den Ganges hinunter befindet sich Haridwar, wo alle 12 Jahre eine große Khumba Mela (Zusammenkunft von Tausenden von Sadhus und Yogis) stattfindet. Und je weiter man dem Fluss in den Süden folgt, umso schmutziger wird er. In Benares heißt er “Kala Ganga” (schwarzer Ganges), da er hier nur mehr eine fließende Flüssigkeit von schwarzer Farbe ist. Der Ganges gehört zu den fünf schmutzigsten Flüssen der Welt, mit einer Kolibakterien-Verschmutzung, die das 100-fache der erlaubten Konzentration – der offiziellen Obergrenze, festgelegt durch die indische Regierung – überschreitet. Leider ist diese Verschmutzung nicht nur eine Gefahr für die Menschen, sondern auch für mehr als 140 verschiedene Fischarten und den höchst gefährdeten Gangesfluss-Delfin. Ein Reisender hat mir erzählt, dass er in Benares einen Priester gesehen hat, der einen Becher Wasser aus dem Fluss geschöpft hat und ihn in völliger Andacht getrunken hat.

Von Rishikesh sind es 270 km bis Gangotri, ein sauberer, kleiner Pilgerort am Ganges (3000 m hoch) und gleichzeitig, das letzte Dorf vor der Gangesquelle. Das Zentrum des Dorfes bildet ein Tempel, der der Göttin Ganga gewidmet ist und im frühen 18. Jahrhundert vom nepalesischen General, Amar Singh Thapa erbaut wurde. Jeweils zu Diwali, einem indischem Festtag, wird der Tempel geschlossen und die Statue aus dem Tempel nahe Harsil gebracht. Es ist eigentlich nicht ganz richtig zu sagen, dass man hier schon vom Ganges spricht. Bhagirathi ist die richtige Bezeichnung, da der Name Ganges erst weiter unten, nach dem Zusammenfluss mit dem Fluss Alakananda in Devprayag, geführt wird. Da Bhagirathi aber größer ist als Alakandana, spricht man vom Gaumukh als der Quelle des Ganges. Die Form des Gletscherendes bei der Quelle hat in früheren Jahren die Form eines Kuhmaules gehabt und aus diesem Grund wird die Gangesquelle bis heute Gaumukh (Kuhmaul in Hindi) genannt. Der Pilgerstätte Gangotri ist nur von Anfang Mai bis Diwali (Lichtfest im Oktober) geöffnet und ist im Winter ganz geschlossen. Nur zehn Leute bleiben völlig abgeschlossen von jeglicher Zivilisation zurück und die Sadhus, die entlang des Ganges leben. Die Anreise von Rishikesh ist eine eigene Geschichte wert. Murenabgänge, vor allem in der Regenzeit und Steinschläge, lassen ganze Hänge und Häuser abstürzen. Die Straßen sehen auch dementsprechend aus und auf unserer Fahrt haben wir einen Lastwagen gesehen, der abgestürzt war und von einem Bus gehört, der hinter uns abgestürzt ist. Auf der Autofahrt macht man am besten die Augen zu und betet.

In Gangotri gibt es sehr viele Sadhus, die in Ashrams, oder in Höhlen und kleinen Hütten, entlang des Ganges leben. Die meisten Sadhus sind sehr gastfreundlich und sie servieren ihren Gästen “Chai”, indischen Schwarztee mit Gewürzen. An beiden Ufern des Flusses befindet sich ein “Promenade”, zum Wandern und Assimilieren der heiligen Atmosphäre. Wir treffen einige Sadhus und tauschen uns aus und wie überall gibt es auch hier Sadhus mit unterschiedlichem Niveau. Einem Sadhu haben wir den Namen “Euro-Sadhu” gegeben, da es in jedem zweiten Satz um Geld, speziell um Euros ging und ganz besonders hat ihn meine coole Sonnenbrille interessiert. Wir haben aber auch Sadhus und Yogis getroffen, die einen bleibenden Eindruck auf uns gemacht haben und uns spirituell bereichert haben. Die Mythologie besagt, dass König Bhagirath in Gangotri Buße getan und gebetet hat, so dass der Fluss, der nur im Himmel floss, nun auf die Erde fließt und seine Ahnen von den Sünden befreit.Da die Gewalt des Flusses zu stark für die Erde gewesen wäre, musste Gott Shiva gewonnen werden, die Gewalt des Flusses zu mildern, um den Ganges zuerst auf seinem Haupt aufzufangen. Noch heute erinnert ein Ganges-Tempel in Gangotri an den Platz, wo König Bhagirath, gesessen hat.

Ausflüge von Gangotri

Kedartal: Von Gangotri kann man auch einen Mehrtagestrip in das Kedartal machen. Ein Wanderweg, der märchenhaft schön ist. Birkenwälder sind hier bis auf eine Höhe von 3800 m zu finden. Bei uns in Europa liegt die Baumgrenze bei um die 2000 m).

Gaumukh und Tapovan: Von Gangotri geht man 18 km bis zur Gangesquelle (Gaumukh). Da Gangotri bereits auf 3000 m liegt, spürt man auf dem Weg nach Gaumukh die dünne Luft. Rund 4000 m hoch liegt die Gangesquelle und man genießt hier die wohlverdiente Pause. Ein herrlicher Anblick auf den Gletscher und den Himalaya entschädigen uns für den harten Anstieg. Ein Schluck aus der eiskalten heiligen Quelle erfrischt die Geister und für die, die nicht genug bekommen können, geht es dann noch weiter nach Tapovan. Auf dem Weg nach Tapovan muss man den Gangotri-Gletscher überqueren und gelangt auf ein Platteau (4230 m) mit einer Wiese und einem wunderschönen Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel.

Höhle der Pandavas: In dieser Höhle sollen die Pandavas, die Helden des bekanntesten indischen Epos mit dem Namen „Mahabharata“, eine Zeit verbracht haben. Ungefähr drei Kilometer vom Zentrum von Gangotri enfernt, liegt diese Höhle inmitten eines Waldes und mit einem wunderschönen Ausblick in die Bhagirathi-Schlucht. Mein spiritueller Meister Sri Chinmoy liebte die Mahabharata. Schon in seiner frühen Kindheit las im seine Mutter Yogamaya aus der Mahabharata vor. Er pflegte sie des öfteren in verfilmter Form anzuschauen. Sri Chinmoys Einschätzung zufolge ist die beste Verfilmung, diejenige von B. R. Chopra und Ravi Chopra. Sie produzierten die Mahabharata in der Fassung einer indischen Fernsehserie, die von Indiens nationalem Fernsehsender ‘Doordarshan’ vom 2. Oktober 1988 bis 24. June 1990 in 94 Episoden mit je 45 Minuten Länge erstmals ausgestrahlt wurde. Die Straßen in Indien wurden damals zur Sendezeit leer. Diejenigen indischen Familien, die keinen Fernseher besaßen, wurden meist von ihren Nachbarn, die im Besitz eines Fernsehers waren, dazu eingeladen, die Episoden anzuschauen. Selbst vorbeigehende Passanten fanden zur Sendezeit einer Mahabharata-Episode Platz in den Wohnzimmern mit TV. Die Verfilmung ist heute als 16-teiliges DVD-Set mit englischen Untertiteln erhältlich und gibt uns einen spannenden, tiefen Einblick in den Hinduismus.

– Smarana

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s